Lenbach, Franz von (1836-1904). Porträt des Malers Hartung, 1882.


Lenbach, Franz von (1836-1904). Porträt des Malers Hartung, 1882.

Artikel-Nr.: Z - L005/001
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Franz von Lenbach (1836 Schrobenhausen - 1904 München). Pastell, 66 x 55 cm (Sichtmaß), 76,5 x 60 cm (Rahmen), rechts oben signiert und datiert „F Lenbach. 1882“, rückseitig bezeichnet als „Porträt des Malers Hartung [?]“.
Hinter Glas gerahmt. Rahmen schadhaft. Im unteren Bereich leichter Fleckenbesatz.

 

zum Werk

Der Porträtierte hat seinen Kopf gegen den Betrachter gewendet und scheint diesen mit einem Auge zu fixieren, während das andere etwas an ihm vorbeiblickt. Eine in der Porträtkunst oft zu beobachtende Darstellungsweise, durch die mit dem Blick gen Betrachter eine gegenwärtige Dialogsituation etabliert wird, während der zugleich in die Ferne gerichtete Blick dem Porträtierten eine Überzeitlichkeit verleiht. Der überzeitliche Aspekt wird durch die leichte, den Dargestellten „monumentalisierende“ Untersicht zusätzlich verstärkt. Dadurch gewinnt der Porträtierte eine von ihm selbst getragene repräsentative Kraft, ohne dazu einen repräsentierenden Gestus an den Tag zu legen oder mit entsprechenden Accessoires ausgestattet zu sein.
Wir haben es hier mit einer auf höchstem Niveau inszenierten Natürlichkeit zu tun, die für Franz von Lenbachs Porträtkunst von entscheidender Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang kommt dem Bild eine besondere Relevanz zu, da es sich um das Porträt eines Künstlers - möglicherweise um den 31jährigen Heinrich Hartung - handelt, so dass hier auch Lenbachs eigenes künstlerisches Selbstverständnis auf eine weit ausdrücklichere Weise thematisch ist als auf seinen anderen Porträts.
Eben die artifizielle Natürlichkeit, die Lenbach selbst als ‚Takt‘ bezeichnet - „Kunst treiben heißt Takt üben“ - ist in diesem Bild besonders ausgestellt. Das Gesicht des Porträtierten scheint weiß gepudert zu sein, ohne dass es allerdings geschminkt wirken würde. Vielmehr tritt das Inkarnat auf diese Weise in eine Wechselwirkung mit der weißen, materiell beinahe greifbar wirkenden, spitzenbesetzten Halskrause, während das glatt fallende Haar einem das Gesicht rahmenden Vorhang gleichkommt. Zusammen mit dem Hut gemahnt die Ausstaffierung der Person an Porträts von Franz Hals. Diese Wahlverwandtschaft wird beim Blick auf die Malweise um so deutlicher: Lenbachs Duktus ist von derselben, das Motiv aus einzelnen Strichen modellierenden Sprezzatura getragen wie dies bei den späten Porträts von Franz Hals der Fall ist.
Damit tritt die Kunst Lenbachs in eine Parallele zu Werken Max Liebermanns, für den Franz Hals ein ganz wesentlichen Bezug gewesen ist. Der nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Gleichklang der Werke des „Münchner Malerfürsten“ mit denjenigen des „Vorläufers der Moderne“ tritt umso deutlicher hervor, wenn berücksichtigt wird, dass Lenbach als ein Begründer der deutschen Freilichtmalerei zu gelten hat und seine frühen Landschaftbilder eine tonal helle Palette aufweisen. Während Max Liebermannn die Materialität der Farbe allerdings als eine tendenziell selbstständige Größe aktiviert, wodurch er tatsächlich zu einem Wegbereiter der Moderne geworden ist, ordnet Lenbach den Farbauftrag der motivischen Darstellung unter, wodurch die Porträtierten ungemein lebendig wirken und ihre charakteristische Präsenz gewinnen. Er selbst hatte sich als ein revolutionärer Künstler verstanden, während er der avantgardistischen Moderne - wie später auch Liebermann - als Reaktionär gilt.

 

zum Künstler

Nach verschiedenen auf die Weiterführung des väterlichen Stadtmaurerbetriebs zielenden Ausbildungen, neben denen sich Lenbach autodidaktisch als Maler schulte, gelang ihm 1853 die Aufnahme an der Münchner Akademie. In den Sommermonaten ging er nach Aresing, um dort gemeinsam mit seinem Malerfreund Johann Baptist Hofner in der freien Natur zu malen. 1857 trat Lenbach in die von Karl Theodor von Piloty neu geleitete „Mal- und Componierklasse“ ein. Piloty setzte mit seiner malerisch-expressiven Farbgebung gegenüber der zuvor waltenden, an der Kompositionszeichnung orientierten klassizistischen Manier ganz neue Akzente. Der an der Freilichtmalerei orientierte Lenbach profitierte von diesem Stilwechsel.
1858 erzielte er mit dem Verkauf seines Bildes Landleute vor einem Unwetter flüchtend auf der Kunstausstellung im Münchner Glaspalast einen ersten Erfolg. Zudem wurde ihm ein Staatsstipendium zugesprochen, mit dem Lenbach zusammen mit Piloty und anderen Malerkollegen eine Studienreise nach Rom unternahm. Es folgten weitere Studienaufenthalte in Stuttgart, Straßburg, Paris, Brüssel, Lüttich, Aachen und Köln. In dieser Zeit begann Lenbach  mit der Anfertigung erster Porträts.
1860 wurde er gemeinsam mit den Piloty-Schülern Arthur von Ramberg und Georg Conräder sowie dem Schweizer Arnold Böcklin als Professor an die neu gegründete Großherzogliche Kunstschule in Weimar berufen. Seine Schülern unterrichtete er in der Freilichtmalerei, so dass Lenbach als eigentlicher Begründer der Weimarer Landschaftsmalerei anzusehen ist. Selbst der Ansicht, noch nicht genug gelernt zu haben, um Lehrer zu sein, verließ Lenbach 1862 die Weimarer Kunstschule, womit er fortan auch die Landschaftsmalerei aufgab.
Zurück in München fertigte Lenbach für Adolf Friedrich von Schack hochwertige Kopien alter Meister an. Im Auftrag seines Mäzens, für den Lenbach insgesamt 17 Gemälde schuf, ging er 1863 nach Italien und lebte ab 1865 mit Hans von Marées in Florenz, den er im Auftrag von Schacks dort förderte. Nach einem weiteren Kopierauftrag, der Lenbach nach Spanien führte, gelangt ihm mit dem Bildnis seiner Schwester Josefine auf der Pariser Weltausstellung von 1867 der Durchbruch. Er erhielt eine Goldmedaille und war fortan ein international anerkannter Künstler.
Auf den zwischen 1870 und 1876 abgehaltenen jährlichen Aufenthalten in Wien, die zu einer Freundschaft mit Hans Markart führten, mit dem er zusammen Ägypten bereiste, vertiefte er seine nunmehr mit dem Kaiserhaus verflochtenen gesellschaftlichen Bande. Auf der Weltausstellung 1873 in Wien war Lenbach unter anderem mit Porträts der beiden Kaiser Wilhelm I. und Franz Joseph vertreten, womit er endgültig zum ersten Porträtmaler der Herrscherhäuser und des Großbürgertums aufstieg. Zusammen mit seinen einflussreichen Münchner Freuden gründete Lenbach 1873 die Künstlergesellschaft Allotria, deren Vorsitz er übernahm.
1878 kam es zur Bekanntschaft mit Otto von Bismarck in Bad Kissingen, den er in etwa 80 Bildern porträtieren sollte, so dass das allgemeine Bild Bismarcks maßgeblich von Lenbach mitgeprägt worden ist, wobei er Bismarck nicht - wie Anton von Werner - allein in repräsentativen Glanz, sondern auch als Privatmann zeigt. 1882 wurde Lenbach das Ritterkreuz der Bayerischen Krone verliehen und Lenbach in den Adelsstand erhoben. 1883 folgte Lenbach erneut seiner Italiensehnsucht und richtete sich im Palazzo Borghese in Rom ein Atelier ein, wo er bis 1887 im Winter und im Frühjahr arbeitete. In dieser Zeit entstand sein berühmtes Porträt von Papst Leo XIII.
1886 erwarb Lenbach in München gegenüber den Propyläen am Königsplatz ein Grundstück, wo er unter gemeinsamer Planung mit dem Allotria-Mitglied Gabriel von Seidl das heutige Lenbachhaus errichten ließ. Damit hatte er seine eigene Residenz als „Malerfürst“ geschaffen. Höhepunkt seiner gesellschaftspolitischen Aktivitäten war sicherlich der gegen den anfänglichen Widerstand der bayerischen Regierung von Lenbach 1892 durchgesetzte glanzvolle Empfang des entlassenen Reichskanzler Bismarck in München. Lenbach ließ auf eigene Kosten einen Sonderzug bereitstellen, mit dem Bismarck nach München einfuhr, um vom Balkon der Lenbachvilla aus die Huldigungen einer begeisterten Menge entgegenzunehmen.
Mehrmals war Lenbach für die Ausstellungen im Glaspalast verantwortlich, wo in den 90er Jahren stets ein „Ehrensaal“ für seine Werke zur Verfügung stand. Als Präsident der 1892 gegründeten Gesellschaft zur Beförderung rationeller Malverfahren stand Lenbach dem 1893 abgehaltenen ersten Kongress für Maltechnik vor. 1896 wurde Lenbach zum Präsidenten der Münchner Künstlergenossenschaft gewählt, wobei der Zenit seinen Ruhms bereits überschritten war, nachdem sich die Münchner Künstlerschaft in den Verein bildender Künstler Münchens und der Münchner Sezession zerteilt hatte, welche Lenbachs Kunst als überlebt ansah.

 

 

„Geistig bedeutende, markante Züge, wußte Lenbach in spannenden, ausdrucksvollen Momenten festzuhalten. Das eigene Interessiertsein an der darzustellenden Persönlichkeit ist stets zu fühlen, es bedingt sehr stark den künstlerischen Wert. [...] Lenbach war zeitlebens um eine Verbesserung der Malmittel bemüht und betrieb eifrige experimentelle Farbstudien.“

Ernst Hanfstaengl

 

„Die hohe Qualität seiner Charakterisierungskunst wird besonders in seinen Pastellen erkennbar, eine Technik, mit der er oft auf Karton („Lenbachpappe“) seinen ersten Eindruck festhält und bei der er nur selten das sonst von ihm wohl erstmals in großem Stil angewandte Hilfsmittel der Photographie benützt.“

Sonja L. Baranow

 

 

Auswahl an öffentlichen Sammlungen, die Werke Franz von Lenbachs besitzen:

Lenbachhaus München, Museum der bildenden Künste Budapest, Schack-Galerie München

 

 

Auswahlbibliographie

Wilhelm Wyl: Franz von Lenbach. Gespräche und Erinnerungen. Stuttgart und Leipzig 1904.

Siegfried Wichmann: Franz von Lenbach und seine Zeit, Köln 1973.

Sonja Mehl (Hrsg.): Franz von Lenbach in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München. Franz-von-Lenbach-Gesamtverzeichnis, München 1980.

Sonja von Baranow: Franz von Lenbach. Leben und Werk, Köln 1986.

Dieter Distl; Reinhard Horn (Hrsg.): Franz von Lenbach – Unbekanntes und Unveröffentlichtes, Pfaffenhofen 1986.

Winfried Ranke: Franz von Lenbach. Der Münchner Malerfürst, Köln 1986.

Winfried Ranke und Rosel Gollek (Hrsg.): Franz von Lenbach. 1836 - 1904, München 1987.

Brigitte Gedon: Franz von Lenbach. Die Suche nach dem Spiegel, München 1999.

Reinhold Baumstark (Hrsg.): Lenbach. Sonnenbilder und Porträts, München 2004.

Anke Daemgen; Karin Althaus (Hrsg.): Künstlerfürsten. Liebermann, Lenbach, Stuck, Berlin 2009.

Dirk Heißerer: Die wiedergefundene Pracht. Franz von Lenbach, die Familie Pringsheim und Thomas Mann, Göttingen 2009.

Andreas Dobler; Christine Klössel (Hrsg.): Meisterhafte Porträts der Fürstenmaler im 19. Jahrhundert. Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), Franz von Franz Xaver Lenbach (1836-1904), Heinrich von Angeli (1840-1925), Friedrich August von Kaulbach (1850-1920). „...sehr vorteilhaft und wunderbar gemalt...“, Petersberg 2014.

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