Zille, Heinrich (1858-1929). Herbst, 1895.


Zille, Heinrich (1858-1929). Herbst, 1895.

Artikel-Nr.: Gr - Z009/001
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Heinrich Zille (1858 Radeburg - 1929 Berlin). Herbst, 1895. Radierung und Aquatinta in Schwarzbraun auf Papier montiert, 13,8 x 22,8 cm (Blattgröße), rückzeitig eigenhändig signiert und bezeichnet „H. Zille: Holzsammler“.
Rosenbach, 11

 

zum Werk

Heinrich Zilles Herbstbild zeigt nicht das gewohnte „Berliner Milljöh“ innerhalb der von Werner Hegemann beschriebenen „Steinernen Stadt“, welches beim Gedanken an Zille sofort in den Sinn kommt, sondern eine im Umland situierte Szene: Schwerbeladene Holzsammler - offensichtlich eine Familie -, die über eine weite Wiese querfeldein heimwärts ziehen. Der Himmel über ihnen ist dunkel verhangen und die Bäume des Waldes, aus dem das Holz herbeigeholt worden ist, bilden eine spalierartige Silhouette. Die Gestalten sind von ihrer unförmig wirkendes Last gekrümmt und werden von einem starken Rückenwind angetrieben, der die bedrohlich wirkenden Wolken über den Himmel verbreitet. Aufgrund der dunklen Tonalität gliedern sich die Holzträger aber zugleich in die düstere Lebenswelt ein und werden zu einem Teil von ihr. Dies verleiht dem Bild eine eigene, von der Verteilung der Figuren unterstütze Harmonie, welche den Personen, trotz ihrer zehrenden körperlichen Tätigkeit, eine Würde verleiht. Durch diese Würde im Elend besteht eine Verwandtschaft des Bildes mit den Werken von Zilles langjähriger Freundin Käthe Kollwitz, während das Sujet zugleich an den frühen Vincent van Gogh und die Landschaftsdarstellung an Walter Leistikow gemahnen. Und dennoch lassen die Figurenauffassung, die Physiognomie und die Gewandfalten den typischen Duktus Zilles erkennen, der für seine späteren Werke richtungsweisend ist.

 

„…es gibt noch einen dritten Zille, und dieser ist mir der liebste. Der ist weder Humorist für Witzblätter noch Satiriker. Er ist restlos Künstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke.“

Käthe Kollwitz

 

zum Künstler

Heinrich Zille wuchs in jenem „Milljöh“ in Berlin Kreuzberg auf, das später zum zentralen Sujet seiner Kunst werden sollte. Bereits zu Schulzeiten nahm er Zeichenunterricht und ging anschließend bei dem Lithographen Fritz Hecht in die Lehre. Parallel dazu studierte Zille bei Theodor Hosemann an der Königlichen Kunstschule. Als Geselle arbeitetet er in Lithografieanstalt Winckelmann & Söhne, um dann, 1877, an die Photographischen Gesellschaft Berlin zu wechseln, wo er dreißig Jahre lang beschäftigt wurde, bis Zille 1907 aufgrund seiner Darstellungen des „Berliner Milljöhs“ entlassen worden ist. Er begann als freischaffender Künstler zu arbeiten, stellte erste Zeichnungen aus und lieferte Beiträge für den Simplicissimus, die Jugend und die Lustigen Blätter. 1903 wurde der inzwischen als „Pinselheinrich“ bekannte Zille in die Berliner Secession aufgenommen und zu einem guten Freund Max Liebermanns. In der Reihe Künstlerhefte erschienen 1908 in großer Auflage Zilles Kinder der Straße und Berliner Rangen. Zusammen mit den Mappen Mutter Erde (1905) und Zwölf Künstlerdrucke (1909) hatte sich Zille als einer der besten und originellsten deutschen Zeichner etabliert. 1910 wurde Zille zusammen mit Fritz Koch-Gotha der Menzelpreis der Berliner Illustrirten Zeitung für seine künstlerische Leistung verliehen. 1913 trat Zille mit rund 40 anderen Künstler aus der Berliner Secession aus und gründete unter der Ehrenpräsidentschaft Max Liebermanns die Freie Secession. 1914 brachte der den Bildband Mein Milljöh heraus. 1921 erwarb die Berliner Nationalgalerie eine größere Anzahl Zeichnungen, was von Zilles Reputation als anerkannter Künstler zeugt. Auf Liebermanns Vorschlag hin wurde Zille 1924 zum Professor ernennt und Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. 1928 fand anlässlich seines 70. Geburtstags ein Retrospektive seines Werkes im Märkischen Museum statt. Zu seinem Begräbnis kamen rund 2000 Trauergäste, darunter ebenso Künstler wie einfache Leute aus dem Volk. Unter seinen Künstlerfreuden Ernst Barlach, August Gaul, Lyonel Feininger, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Otto Nagel oder August Kraus war Zille auch ein gefragter Porträtist.

 

 

Auswahlbibliographie

Otto Nagel: Heinrich Zille. Leben und Schaffen. Henschel, Berlin 1968.

Detlev Rosenbach (Hrsg.): Heinrich Zille. Das graphische Werk, Hannover 1984.

Lothar Fischer: Heinrich Zille. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (= Rowohlts Monographien 276), Reinbek bei Hamburg 1996.

Pay Matthis Karstens: Verboten und verfälscht. Heinrich Zille im Nationalsozialismus, Berlin 2012.

Matthias Flügge; Matthias Winzen (Hg.): Heinrich Zille und sein Berlin. Typen mit Tiefgang, Oberhausen 2013.

Nicole Bröhan: Heinrich Zille. Eine Biographie, Berlin 2014.

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