Daumier, Honoré (1808-1879). Huis clos, Les gens de la justice, 1852.


Daumier, Honoré (1808-1879). Huis clos, Les gens de la justice, 1852.

Artikel-Nr.: GR - D001/001
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Honoré Daumier (1808 Marseille - 1879 Valmondois). Les gens de justice. Huis clos (1862). Lithographie, 20 x 29 cm (Plattenmaß), 29,2 x 38 cm (Rahmen), in der Platte und rechts unten eigenhändig signiert und links nummeriert (216 / 500).
leicht nachgedunkelt

 

zum Werk

Die in das Bildfeld geschriebenen Titel „Le gens de justice“ und „Huis clos“ geben die Perspektivierung der Szenerie vor: Es handelt sich um die geschlossene Gesellschaft eines geheimbündlerischen Standes, der - anstatt Recht zu sprechen - im Namen des Rechts willkürlich verurteilt. Die Bildsprache hebt dies durch eine Hell-Dunkel-Polarität hervor. Während sich die mädchenhafte Frau als helle Lichtgestalt und damit unschuldiges Wesen vor dem dunklen Fond abhebt, sind die Männer des über sie richtenden Tribunals stark verschattet. Die Beisitzer vermitteln den Eindruck teilnahmsloser Götzen, wobei der Rechte mit seinen schwarzen Augenhöhlen, der gelängten Nase und den scharfen Zügen der Mundpartie geradewegs bösartig wirkt. Mittig hat sich der Richter vom Stuhl erhoben und dem Mädchen entgegen gebeugt. Er scheint das Gehörte förmlich aufzusaugen und mit entsetzt aufgerissenen Augen zu kommentieren. Dabei nimmt der Bildbetrachter nicht die Position eines außenstehenden Beobachters ein. Der Richtertisch ist so ins Bild gesetzt, dass auch der Betrachter vor ihm steht und sich als Mitangeklagter seiner Haut erwehren muss.
Die Kunst Daumiers liegt in der Meisterung einer Gratwanderung. Er charakterisiert die Personen, indem er ihre Erscheinung auf diese Charakterisierung hin zuspitzt, ohne dabei in die Karikatur abzugleiten, was den Richtern eben jene sie kennzeichnende Bedrohlichkeit nehmen würde. Vermittels dieser Technik der Zuspitzung fällt es freilich weit leichter das Verwerfliche als das im Grunde Unschuldige zu veranschaulichen, so dass die mädchenhafte Gestalt im Schemenhaften verbleibt, was allerdings zur Fragilität der Angeklagten passt.

 

zum Künstler

1822 unternahm Daumier erste autodidaktische Versuche auf dem Gebiet der Lithographie und begann 1825 eine Ausbildung als Lithograph bei Zéphirin Félix Jean Marius Belliard. Im Anschluss an die Juli-Revolution 1830, die einen enormen Aufschwung der Presse und des Druckwesens initiierte, nahm Daumier seine langjährige Tätigkeit als Zeitschriftenillustrator auf. Er fertigte mehr als 4000 Lithographien und 1000 Holzstiche an.
Seit 1831/32 arbeitete Daumier für die satirischen Zeitschriften „La Caricature“ und „Le Charivari“. Als Vorlagen für Zeichnungen bekannter Zeitgenossen modellierte er eine Vielzahl von kleinen Portraitplastiken, die Auguste Rodin inspirierten. Für Daumiers satirische Bezeichnung des Königs Louis Philippe als Gargantua – ein unersättlicher Fresser und Säufer in der Romanwelt François Rabelais – ist Daumier 1832 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Aufgrund des Auftragsrückgangs seitens der Presse fertige Daumier ab den 1860er Jahren Aquarelle für Händler und Sammler an, in denen er aus seinem breiten Motivfundus schöpfte. Im Alter erblindet, wurde er von Camille Corot unterstützt, der für den verarmten Daumier in Valmondois ein Haus erwarb.
Weniger bekannt als seine Grafiken ist Daumiers Malerei, die ihn ab 1848 mit der Schule von Barbizon in Kontakt brachte. Künstler wie Degas, Manet, Cézanne und Toulouse-Lautrec bis hin zu Picasso und Rouault schätzen Daumiers Kunst außerordentlich. Neben den sozialkritisch aufgefassten alltäglichen Bildsujets war es vor allem Daumiers Bildsprache, die für die Moderne richtungsweisend war: sein durch flächige Hell-Dunkel-Kontraste bestimmter Bildaufbau ebenso wie die skizzenhaft-expressiven Linienführung. Dem breiten Publikum hingegen galt Daumier lange Zeit als Karikaturist des poltischen Tagesgeschehens bis die erste große Retrospektive von 1878 auch den allgemeinen Blick für die besonderen künstlerischen Qualitäten von Daumiers Oeuvre öffnete.

 

Auswahl an öffentlichen Sammlungen, die Werke von Honoré Daumier besitzen

Art Institute of Chicago, Eremitage St. Petersburg, Metropolitan Museum of Art New York, Musée d’Orsay Paris, Musée du Petit Palais Paris, Musée National du Louvre Paris, Museum of Fine Arts Ottawa, Neue Pinakothek München, National Gallery of Art Washington.

 

 

Auswahlbibliographie

Werkverzeichnisse

Loys Delteil: Catalogue raisonné de l'oeuvre lithographié de Honoré Daumier, Oise 1904.

Erich Klossowski: Honoré Daumier, München 1923.

Eugène Bouvy: Reproduction de toutes les planches, notices sur chaque ouvrage et sur chaque planche, 2 Bd., Paris 1933.

Maurice Gobin: Daumier sculpteur, 1808 - 1879. Avec un catalogue raisonné et illustré de l'ouevre sculpté, Genf 1952.

Karl Eric Maison: Honoré Daumier. Catalogue raisonné of the paintings, watercolours and drawings, 2 Bd., London 1968.

Gabriele Mandel: Tout l'œuvre peint de Daumier, Paris 1972.

Marcel Lecomte: Daumier - sculpteur, 2 Bd., Paris 1979.

Louis Provost Honoré Daumier, a thematic guide to the oeuvre, New York 1989.

 

Forschungsliteratur

Honoré Daumier und die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft. Katalog der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Berlin 1974.

Jürg Albrecht: Honoré Daumier (=Rowohlts Monographien, Nr. 326), Reinbek 1984.

Arnold Mathias: Honoré Daumier - Leben und Werk. Stuttgart - Zürich 1987.

Michael Brunner et al. (Hrsg.): Géricault, Delacroix, Daumier und Zeitgenossen. Französische Lithographien und Zeichnungen, Petersberg 2009.

Roger Münch u. Matthias Winzen (Hg.): Daumier und sein Paris. Kunst und Technik einer Metropole, Heidelberg - Berlin 2010.

Monsieur Daumier, Ihre Serie ist reizvoll. Die Stiftung Kames. Mit einem Katalog des Gesamtbestandes der Druckgraphik Daumiers der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Berlin 2012.

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