Klinger, Max (1857-1920). Porträt eines Jungen, 1909.


Klinger, Max (1857-1920). Porträt eines Jungen, 1909.

Artikel-Nr.: G - K012/001

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Max Klinger (1857 Leipzig - 1920 Großjena). Porträt eines Jungen. Öl auf Karton, 21 x 18,5 cm, rückseitig monogrammiert „MK“ und datiert „[19]09“. Aufkleber: „Eigentum Generaldirektor Prof. Dr. Buchner“ und Nachlassstempel „Prof. Dr. Ernst Buchner, München, Leopoldstr. 71“. Leicht farbverlustig, etwas gewellt, Ränder beschabt.

 

zum Werk

Das Profil des Jungen ist leicht Richtung Betrachter gewendet, so dass die andere Augenbraue sichtbar und das rechte Auge erahnbar wird. Dadurch gewinnt der nach rechts oben ins Bildjenseits gerichtete Blick eine besondere Intensität und der Kopf als Ganzes eine plastische Lebendigkeit, die an Klingers zeitgleich erfolgende intensive Tätigkeit als Bildhauer gemahnt. Die lebendige Wirkung speist sich vor allem aber aus den malerischen Qualitäten des Bildes. Der pastose Farbauftrag ist dennoch in einem zügigen Duktus erfolgt, so dass die Pinselführung im Farbauftrag konserviert bleibt und dem Inkarnat durch seine spezifische Struktur eine Lebendigkeit verleiht. Jeder Pinselhieb dieses relativ späten Werks ist mit treffsicherer Bestimmtheit gesetzt. Eine solch instantan erfolgende schöpferische Prägnanz wird mit Bezug auf die Werke des späten Tizians mit dem Begriff der Sprezzatura bezeichnet, was generell zu einer Aufwertung der Skizze geführt hat, die nun - wie es hier der Fall ist - den Status eines vollendeten Werkes aufweisen kann.
Daneben bedient sich Klinger eines weiteren die Wirkung der Sprezzatura unterstützenden Mittels - des Infinito. Die Haare und Teile des Ohres sind unvollendet und ein genaueres Hinsehen erweist, dass bei der Augenpartie der Malgrund stehen gelassen worden ist. Aus dem Unvollendeten und der virtuosen Pinselführung - dem Infinito und der Sprezzatura - speist sich die spezifische Lebendigkeit des Jungen. Der Kopf scheint sich gleichsam vor den Augen des Betrachters plastisch zu verfestigen.
Hinsichtlich der Aktivierung des Malgrundes und der freien Pinselführung erinnert das Werk an Goyas Kopfstudien zu dessen Gruppenporträt La Familia de Carlos IV (1800/01), welche Klinger zwei Jahre zuvor im Prado studiert haben dürfte, wobei er - was das Infinito und die Sprezzatura anbelangt - über Goya hinausgeht.

 

zum Künstler

Max Klinger besuchte ab 1874 unter Ludwig Des Coudres und Karl Gussow die Kunstschule Karlsruhe und folgte Gussow 1875 an die Berliner Akademie. Dort schloss er 1876 die akademische Ausbildung mit einer Silbernen Medaille ab und debütierte 1878 mit dem Gemälde „Die Spaziergänger“ (auch „Ein Überfall“) auf der Berliner Akademie-Ausstellung. Im selben Jahr entstand Klingers erster Radierzyklus. 1879 reiste er nach Brüssel, wo er bei dem Historienmaler Emile Wauters Unterricht nahm und sich auf die Ausarbeitung weiterer Radierzyklen konzentrierte. Der Zyklus „Dramen“ (Opus IX) wurde 1883 in München, Berlin und Paris ausgestellt und brachte Klinger hohe Anerkennung sowie zwei Medaillen ein.
Zurück in Berlin fertigte Klinger 1882 sein erstes plastisches Werk, eine Porträtbüste Schillers, an. 1883 erhielt er den Auftrag, 14 Wandbilder für einen Saal der Villa Albers in Steglitz bei Berlin zu malen. Noch im selben Jahr ging Klinger nach Paris und studierte dort die Werke von Goya, Gustav Doré und Puvis de Chavanne. Im März 1887 kehrte Klinger nach Berlin zurück, wo er Arnold Böcklin kennenlernte. Im Folgejahr mietete sich Klinger in Rom ein Atelier an und unternahm zahlreiche Studienreisen unter anderem mit seinem Freund Karl Stauffer-Bern. Zudem arbeitete er an seiner theoretischen Schrift „Malerei und Zeichnung“, die Klinger 1891 publizierte und die das programmatische Diktum enthält: „Es gibt heute nur noch Künste, aber keine Kunst mehr!“ Ebenfalls 1891 fand in München die erste monografische Ausstellung Klingers mit rund 200 seiner Werke statt.
1892 zählte Klinger zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Gruppe „XI“, aus der später die Secession hervorgehen sollte. 1893 gab Klinger sein römisches Atelier auf, reiste mit Böcklin nach Florenz und ließ sich in Leipzig nieder. Dort wurde er zum ordentlichen Akademiemitglied ernannt. Sein Leipziger Atelier, das er zu einem Ausstellungsgebäude ausbauen ließ, um eigene Werke, aber auch Bilder von Böcklin, Rodin und Menzel auszustellen, war Treffpunkt namhafter Künstler, zu denen auch der Komponist Max Reger zählte. Die Musik war Klinger eine beständige Inspirationsquelle. Johannes Brahms, mit dem er seit 1880 bekannt war, widmete er den 1894 entstandenen Radierzyklus „Brahmsphantasie“ (Opus XII), während Brahms die letzten vier Lieder, die er schuf, Klinger widmete.
Nach 1900 wandte sich Klinger zusehends der Plastik zu. 1902 vollendete er das noch während der Pariser Zeit entworfene Beethoven-Denkmal. Zunächst wurde es, von Gustav Klimts Beethoven-Fries umgeben, in der Wiener Sezession gezeigt und dann in einem von Klinger mit entworfenen Rundbau im Leipziger Museum aufgestellt.
1897 wurde Klinger Professor an der Akademie der graphischen Künste in Leipzig und korrespondierendes Mitglied der Wiener Sezession. 1903 erfolgte die Wahl zum Vizepräsidenten des Deutschen Künstlerbundes, in dessen Auftrag er 1905 die Erwerbung der Villa Romana in Florenz als Stipendiatenhaus organisierte. Zum 50. Geburtstag, 1907, veranstaltete der Leipziger Kunstverein eine große Retrospektive. Auf der im selben Jahr unternommenen Spanienreise studierte Klinger im Prado die Werke von Goya, Velasquez und Ribera und wandte sich wieder verstärkt der Grafik zu. 1909 vollendet er den Radierzyklus „Vom Tode II“ (Opus XIII), an dem er seit den 80er Jahren gearbeitet hatte, und 1916 schließt er den Zyklus „Das Ziel“ (Opus XIV) ab.
Das Schaffen in seinen letzten Lebensjahren war vor allem der Bildhauerei gewidmet, die für Klinger, ebenso wie die in Anlehnung an musikalische Werke als Opus (I-XIV) betitelten Grafikfolgenm immer eine enge Verbindung mit musikalischen Themen aufwies. 63jährig verstarb Klinger in seinem Haus bei Großjena, wo er seit 1903 gewohnt hatte.

Der schriftliche Nachlass liegt seit 1984 im Archiv für Bildende Kunst im Germanischen Nationalmuseum.

 

 

Auswahl an öffentlichen Sammlungen, die Werke von Max Klinger besitzen

Albertina Wien, Alte Nationalgalerie Berlin, Alte Pinakothek München, Anhaltinische Gemäldegalerie Dessau, Art Institute Chicago, Belvedere Wien, Eremitage St. Petersburg, Gemäldegalerie Dresden, Georg Kolbe Museum Berlin, Kunsthalle Hamburg, Kunsthalle Kiel, Kunsthalle Mannheim, Kunsthaus Zürich, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Mainz, Metropolitan Museum New York, Musée d'Orsay Paris, Museum der bildenden Künste Leipzig, Museum Folkwang Essen, Museum Kunstpalast Düsseldorf, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Roemer und Pelizaeus Museum Karlsruhe, Staatliches Kunstmuseum Kopenhagen, Staatliche Museen Braunschweig, Staatsgalerie Stuttgart, Städel Frankfurt a. M., Stiftung Moritzburg Halle, Suermondt-Ludwig Museum Aachen, Von der Heydt Museum Wuppertal, Wallraf-Richartz-Museum Köln.

 

Auswahlbibliographie

Max Klinger: Malerei und Zeichnung, Leipzig 1891.

Hans W. Singer: Max Klingers Radierungen, Stiche und Steindrucke. Wissenschaftliches Verzeichnis, Berlin 1909.

Max Klinger: Briefe aus den Jahren 1874–1919. Hrsg. v. Hans W. Singer, Leipzig 1924.

Ferdinand Avenarius: Max Klinger als Poet. München 1917.

Anneliese Hübscher: Betrachtungen zu den beiden zentralen Problemkomplexen Tod und Liebe in der Graphik Max Klingers. In Verbindung mit seinen Theorien über Graphik, Halle-Wittenberg 1969.

Alexander Dückers: Max Klinger, Berlin 1976.

Hans-Georg Pfeifer: Max Klingers Graphikzyklen (1857–1920). Subjektivität und Kompensation im künstlerischen Symbolismus als Parallelentwicklung zu den Anfängen der Psychoanalyse, Gießen 1980.

Manfred Boetzkes (Hg.): Max Klinger. Wege zum Gesamtkunstwerk, Mainz 1984.

Michael Michalski: Max Klinger. Künstlerische Entwicklung und Wandel weltanschaulicher Gehalte in den Jahren 1879–1910, Augsburg 1986.

Herwig Guratzsch (Hg.): Max Klinger. Bestandskatalog der Bildwerke, Gemälde und Zeichnungen im Museum der bildenden Künste Leipzig, Leipzig 1995.

Christian Drude: Historismus als Montage. Kombinationsverfahren im graphischen Werk Max Klingers, Mainz 2005.

Holger Jacob-Friesen (Hg.): Max Klinger. Die druckgraphischen Folgen. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Heidelberg 2007.

Conny Dietrich: Max Klinger. Auf der Suche nach dem neuen Menschen, Leipzig 2007.

Frank Zöllner (Hg.): Griffelkunst. Mythos, Traum und Liebe in Max Klingers Grafik, Leipzig 2011.

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